Erinnerungen - Wer hat Angst vor dem "Schwarzen" Mann?

Wer hat Angst vor dem "Schwarzen" Mann?

Niedersachsen gehörte einst zu britischen Besatzungszone, ebenso wie der Teil Berlins, in dem ich heute wohne. Einst.
Wenn wir als Kinder etwas angestellt hatten wurde immer der Zeigefinger erhoben und gesagt: wenn ihr nicht artig seit, dann kommt der "schwarze" Mann und holt euch.

Unter der Bührener Straße, also der Straße an der wir auch wohnten, ist die Nieme (der Bach, der den vier durchfließenden Gemeinden wie: Ellershausen, Löwenhagen, Imbsen und Varlosen später den Namen Niemetal 1- 4 verpasste. Wobei der ursprüngliche Ortsname dann zu Ortsteil mutierte) also unter dieser Straße, Ecke Königsallee, floss die Nieme in großen Betonröhren entlang, bis sie bei Zühls wieder herauskam. Es galt stets als Mutprobe, diesen Röhrenweg zu durchlaufen. Nach Unwettern war da dann einiges drin aufgetürmt, Ratten gab es auch gelegentlich und somit galt, seitens der Eltern ein striktes Verbot, diesen Weg zu gehen.

Aber wie das so ist, Verbote reizen natürlich umso mehr, diese zu umgehen. Die Röhren hatten vielleicht so einen Durchmesser von 1,20m. Also Kinder konnten wir also schon aufrecht dadurch, es war Abenteuer. Ich indes traute mich nicht, und musste mich mal wieder auslachen lassen. Meine Oma hatte mir erzählt, da drin wartet der "Schwarze" Mann und fängt die Kinder, die nicht hören können. Bis zur Mitte traute ich mich, dann wurde es mir zu unheimlich und ich kehrte immer wieder um.
Der "Schwarze" Mann war in meinem kindlichen Empfinden, groß, und stark. Dem wäre ich nicht gewachsen gewesen.
Komischerweise sind die die anderen immer auf der anderen Seite wieder rausgekommen, auch unversehrt. Wie sie dann erzählten, sind sie zwischen den Beinen des "Schwarzen" Mannes hindurch und sie wären ja auch immer zu mehreren dadurch und alle, hätte er ja nicht gleichzeitig fangen können.

Irgendwann habe ich mich dann doch getraut, als keiner von den anderen dabei war, ganz allein und ganz tapfer, nur es hat mir keiner geglaubt, denn ich hatte ja keine Zeugen. Der "Schwarze" Mann war wohl an diesem Tag nicht dagewesen, so das ich es wirklich bis zum anderem Ende geschafft habe.

 

 

 

 

 

 

 

Manöver Zeit

Einmal im Jahr, in der Herbstzeit wurde es auf unseren Straßen laut, sehr laut. Das Kettengerassel der Panzer fuhr uns durch Mark und Bein. Diesmal wurden die klaren Anweisungen der Eltern eingehalten, bezüglich des überqueren der Straße. Erst wenn keine weiteren Militärfahrzeuge mehr durchfuhren durften wir wieder von links nach rechts. Unser Feld am Lippecker, so die Bezeichnung der Feldgemarkung, war zum Beispiel einer jener Plätze wo diese ihre Übungen abhielten. Zwei Panzer standen immer bei Zühls vor der Scheune, diese lag etwas zurückgesetzt vom Bürgersteig nach hinten. Passten genau wischen Brüggemanns Gartenzaun der immerhin bis zum Bürgersteig ging und der Hofeinfahrt bei Zühls. Kam ich aus der Haustür hatte ich, wenn ich unseren Hof hinunter guckte, den Blick über die Straße gleiten ließ, diese immer im Blick. Die Kinder des Dorfes eilten zusammen. Ich traute mich nicht. Die Soldaten waren soweit nett, lachten, scherzten, hatten Kaugummi dabei und Schokolade. Ich nahm aber nichts von Fremden, das hatte man mir und meiner Schwester immer gesagt, nehmt nichts von Fremden.

Man winkte meiner Schwester und mir, das wir auch rüber kommen sollten. Mittlerweise waren die anderen schon im Panzer verschwunden und schauten sich da drin um. Thea und ich hatten dann doch Mut gefasst und waren über die Straße gegangen zu den Panzern, aber da, da kletterte ein "Schwarzer" Mann mit blitzenden Zähnen aus dem Panzer lächelte sagte etwas in einer Sprache die wir nicht verstanden - wir rannten einfach wieder zurück auf den Hof. Da war er der "Schwarze" Mann und die anderen waren bei ihm im Panzer. Hilfe.

Die Manöverzeit war keine gute Zeit, für die Straßen unseres Dorfes. Auch nicht für die Felder, auf denen sie herumkurvten und ihre Kriegsspielchen spielten.

Spiel: Wer hat Angst vorm "Schwarzen" Mann?

Wurde gern in der Pause auf dem Schulhof gespielt.
Alle Mitspieler stellten sich in einer Reihe auf, möglichst an eine Wand. einer wird ausgelost als jener der den "Schwarzen" Mann spielt. Dieser steht etwa 4 Meter von den anderen weg, mittig von den anderen. Dann legt er beide Hände wie einen Trichter an den Mund und ruft: Wer hat Angst vorm "Schwarzen" Mann.
Die anderen rufen dann zurück: niemand.
Dann ruft der oder diejenige, die den "Schwarzen" Mann verkörpert: dann wird er Euch holen.
Die anderen dann: versuch es doch. Anschließend rennen sie los. auf die andere Seite. Wer immer, allerdings vom "Schwarzem" Mann angefasst wird, muss diesem jetzt helfen die anderen einzufangen. Sind die anderen wieder zurück an der Wand dürfen sie nicht mehr angefangen werden.

Heute rief ich meine Mutter an, um zu erfahren, wer eigentlich diese Figur des "Schwarzen" Mannes ausmachte, den wir damals als Angsteinflößende Figur gesehen haben.
Ihre Antwort: Der Schornsteinfeger.

 

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