Erinnerungen - Lehrjahre sind keine Herrenjahre

Lehrjahre sind keine Herrenjahre

Oh, wie ich diesen Spruch damals gehasst habe!

Drei Wochen Praktikum von der Schule aus standen an. Drei Wochen die wir in einem Dransfelder Geschäft abreißen mussten.
An sich wollte ich damals Kindergärtnerin werden. Das hätte aber bedeutet weiter auf die Schule zu gehen. Meine Oma hingegen versuchte mir den Beruf der Krankenschwester schmackhaft zu machen, allerdings mit dem Hintergedanken, dann später einmal von mir gepflegt zu werden. Um jene Zeit, hatte ich aber sogar noch Probleme damit, Blut zu sehen - ich kippte einfach um.

Meine Eltern haben diesen, meinen Wunsch jedoch abgeschmettert. Jeder Pfennig musste dreimal umgedreht werden, denn meine Großeltern hatten den Hof 1968 an meinen Vater überschrieben. Mit der Überschreibung des Hofes trat dann die Höferolle in Kraft und mein Vater musste seine Schwester, unsere Tante Mathilde auszahlen. Außerdem wollte er Neuerungen umsetzen und auch das kostete Geld. Eine Lehrmittelfreiheit hatten wir zu jener Zeit als meine Schwester und ich zur Schule gingen nicht in Niedersachsen. Das heißt, wenn der vorige Jahrgang die entsprechenden Schulbücher nicht mehr brauchte wurden diese an den nächsten Jahrgang verkauft. Nur ganz wenige Schulbücher hatte ich, die neu waren. Weiter zur Schule zu gehen, Fachbücher kaufen, das war einfach nicht drin. Also wurde ich zur Lehre dorthin geschickt, dort wo ich mein Praktikum gemacht hatte.

Raumausstattung Rubort* Inh. H. Fockenbach* Entstanden ist das Geschäft mal aus einer Sattlerei und Polsterei.
Mein Vater kannte das Ehepaar Dockenfuß und war mit denen per DU. Auch den Senior Chef. Wer damals was auf sich hielt, kaufte dort ein. Über dem Laden wohnten die Senioren und darüber, unter dem Dach die Familie Dockenfuß.

Am 1. April 1973 fing ich dort an, das war so üblich zu jener Zeit. Meine Ausbildung als Polster- und Dekorationsnäherin umfasste einen Zeitraum von zwei Jahren. Ich weiß noch, das ich am 20. April von meinem meinen Senior Chef gefragt wurde, was für ein Tag heute sei, und ich ganz überrascht: heute ist Montag. Er schüttelte den Kopf und sagte: das auch, aber heute ist Führers Geburtstag. Das musst Du dir merken.

Ich konnte damals nichts damit anfangen. Denn in der Schule ist diese Zeit ausgespart worden. Wir lernten bis 1928 und fingen mit 1956 wieder an. Alles was dazwischen lag, wurde nicht angesprochen. Das habe ich mir dann privat so nach und nach angeeignet.
Das Geschäft lag günstig an der Hauptverkehrsstraße die diese Kleinstadt durchzog. Der Durchgang nach hinten zur Sattlerei und Polsterei trennte die beiden Ladengeschäfte. Stand man mit Blick auf das Haus, war links der Eingang zu dem Hauptbereich. Die Gesamtbreite mit Regalen war mit Dekostoffen für Übergardinen und mit Stores in den verschiedenen Höhen bestückt. Oben die letzten beiden Reihen waren noch mit Tagesdecken und Federbetten, Daunendecken und Kissen bestückt. Drei Schaufenster, wovon zwei immer mit Gardinendekorationen bestückt waren und ein Lederfenster, in dem Handtaschen, Einkaufstaschen Geldbörsen und zur Reisezeit auch Koffer dekoriert wurden.

Also wenn ich das Geschäft betrat waren also rechts die Schaufenster und links war ein Tresen mit den Geldbörsen und Abendtäschchen dahinter Platz zum Bedienen und dahinter wieder Regale gefüllt mit Handtaschen, und ganz oben die Koffer. Auf Höhe des zweiten Schaufensters hing dann der Ladenbereich mehr nach hinten. Direkt hinter der Wand mit den Handtaschen gab es dann um die Ecke den Eingang von einem kleinen Flur und der Treppe zu den Privaträumen. Infolge auf der anderen Seite der Tür waren wieder Regale, hier standen die Einkaufstaschen, Umhängetaschen und die Hirtentaschen die damals gerade in Mode kamen, an einem Ring hingen Gürtel. Nach dieser Regalzeile war wieder eine Ausbuchtung nach links. Hier lagen die Tischläufer aus den verschiedensten Materialien, Kissenhüllen, Kissen. hochwertige Bettwäsche, kleine Brücken. Und die Ständer der Gardinenmuster von JAB und anderen hochwertigen Firmen füllten diesen Bereich aus. An der Stirnseite wieder Regale aber nicht so breit.

Hier standen Messing- Zinn- Zinkartikel herum. Porzellan und anderes was das Heim gemütlicher machen sollte. Ganz links davon war noch eine Tür wo es zur Polsterei ging, oder auch zu den auf Rollen aufgezogenen Teppichrollen die eben vorrätig waren. Von hieraus konnte man auch die Tür zur anderen Seite des Ladenbereiches gehen der Möbel bot. Alles vom Schlafzimmer, Wohnzimmer, Kinderzimmer, Küche und Badmöbel. Große Teppiche, Brücken, Badeteppiche und Garnituren sowie Bettgarnituren. Vor der langen Seite wo die Gardinenballen in den Regalen lagen, war ein ebenso langer Tresen und mittendrin die Kasse. Fast am Ende war dann noch ein Drahtkorb in denen Gardinenreste sich befanden die auch verkauft wurden. Von der Stirnseite rechts war auch eine Tür die zu dem Nähbereich führte und dem Bügeltisch.

Die Nähmaschinen der Näherinnen boten den Blick zur Polsterei und die einzige die den Blick zum Laden hatte, war die Seniorchefin. Hinten am Ende es Raumes waren unsere persönlichen Taschen in einem Regal. Ich kann mich noch an zwei der Näherinnen erinnern, bei der dritten fehlt mir der Name. Die eine etwas ältere, hieß Doris und die andere Freia. Hinter dem Platz der Seniorchefin ging es zum Büro und da dann weiter zur Polsterei. Direkt gegenüber des Geschäfts befand sich noch ein Schaufenster und dort waren auch immer Möbel ausgestellt.

Mein Tag begann so: Ich musste einen Kittel anziehen - das hasse ich bis heute. Danach habe ich immer zugesehen das ich keinen mehr tragen musste. Zuerst musste ich den breiten Bürgersteig fegen , den gesamten Ladenbereich entlang, dann auf der anderen Straßenseite. Der nächste Schritt bestand darin, das ich unterhalb der Schaufensterreihe die Spaltplatten säubern musste, an den Ecken hatten meistens diverse Hunde ihr Beinchen gehoben. Freitags kam dann noch Schaufenster von außen putzen dazu. Waren ja nur sieben.

Anschließend musste der Laden bevor der Kundenandrang kam, gestaubsaugt werden. Bei den Vitrinen und Türen musste der Glasanteil geputzt werden. Damit ich nicht aus der Übung kam, wurde ich in die Wohnung der Junior Chefin beordert, hier musste ich Betten machen, frisch beziehen, Fenster putzen, den Boden staubsaugen in der ganzen Wohnung, die Schränke von außen abputzen. Das Bad sauber machen. Ein Blick auf die Uhr und ich war dran als Lehrlingsmädchen einzukaufen für die anderen Angestellten, gelegentlich auch für die Chefin. Eine halbe Stunde Frühstückspause.

Dann musste ich die Taschen abstauben. Da ich ja ein Wochenberichtsheft führen musste, trug ich alles auch sorgfältig ein, und musste es meiner Chefin dann ja zur Abzeichnung vorlegen, die strich mir alles durch und erklärte mir das ich das so nicht darein schreiben darf, ich sollte stattdessen, über die verschiedenen Stoffqualitäten etc einen Bericht schreiben. Woher ich die Informationen nahm, war ihr egal, von ihr bekam ich keine. Meine Arbeitszeit begann um 8:00Uhr dazwischen lag eine halbe Stunde Pause bis 13:00Uhr. geschlossen war das Geschäft in der Mittagszeit von eben 13:00Uhr bis hatte geschlossen in der Zeit von 13:00Uhr bis 14:00Uhr.

Anschließend ging der Dienst noch bis 18:00Uhr. Kurz vor 15:00Uhr wurde ich zur Bäckerei Spieß geschickt, die auf der anderen Straßenseite über eine Querstraße hinaus lag. Dort sollte ich Kuchen von gestern kaufen, die vom Preis um die Hälfte reduziert waren. Für jeden ein Stückchen. Dann musste ich damit in die Wohnung der Seniorchefin in die Küche. Mit dem Wasserkessel Wasser kochen, für die Hälfte der Näherinnen und des Verkaufspersonals sowie, entweder Senior- oder Juniorchefin. Tassen mit Untertassen, Kuchenteller, Teelöffel und Kuchengabel, Milchkännchen und Zuckerdose auf den Tisch stellen. Dann die Kuchenstückchen auf jeden Teller platzieren. In jede Tasse zwei Teelöffel von Nescafe löslichen Kaffee. Es wurde ja auch mehrfach erwähnt das wir auf Kosten der Firma Kaffee und Kuchen erhielten.

Wenn allerdings jemand Geburtstag hatte, wurde von seitens der Chefinnen erwartet das, dass Geburtstagskind eine Torte oder frischen Kuchen spendierte.

Mittwochs waren die meisten Geschäfte in Dransfeld nachmittags zu, nicht so bei Herborts, wir hatten offen. Wenn meine Chefin selbst einkaufen ging und zu den gelben Schuhen nicht die passende Handtasche hatte, wurde eine aus dem Regal genommen, das Preisschild entfernt, dann chic passend einkaufen gegangen und hinterher wieder mit dem Preisschild versehen, ins Regal zurück gestellt. Wenn ihr ein Dekostoff gut gefiel ließ sie sich von Freia auch davon einen Rock oder ein Kleid nähen. Ein Küchendekorationsstoff ging gut, kann ich mich erinnern und sie hatte sich von Freia dazu einen langen Rock nähen lassen den sie dann auf dem Feuerwehrball trug. Das wurde dann zu einem sogenannten Schuss nach hinten.

Manche Stores waren höher wie die Kunden es brauchten also wurde oben abgeschnitten. An sich zahlte der Kunde das mit, hatte so auch ein Recht darauf, das dieser Rest mit zu den Gardinen zugepackt wurde. Meine Chefin tat es in die Restekiste und verkaufte es noch mal. Oder sie ließ sich dafür für ihre Gaubenfenster eigene Gardinen dazu nähen. Ich wurde geduzt, das war auch noch so eine Erniedrigung aus jener Zeit.

Freitags hatte ich Berufsschule, mir war gesagt worden das diese in Göttingen sei. Gegenüber dem Gebhardshotel, also relativ nahe am Bahnhof. Die Lehrer waren nett, ich kam gut zurecht, die Mitschülerinnen waren alle aus dem Schneiderinnenbereich. Ute, mit der ich mich damals anfreundete, lernte Theaterschneiderin.

Alle hatten nach der Berufschule frei, ich musste zweimal im Monat bei der Firma antanzen und dann das Möbellager wischen und alle Möbel erst Staubputzen dann mit Möbelpolitur abreiben und wienern.

Samstags musste ich ebenfalls arbeiten immerhin auch von 8:00Uhr bis 13:00Uhr. Zusätzlich zu den täglichen Putzarbeiten kam Samstags noch dazu, das ich die Koffer abstauben musste also Leiter rauf, Koffer runter holen, entstauben und mit einer Ledercreme behandeln. Die Regale der Handtaschen wischen und die Handtaschen entstauben. Dann das Regal mit dem Schnick Schnack. Messing und Zinn polieren. Kissenhüllen sortieren. Läufer ebenfalls, alles musste gerade liegen. Weihnachtssonnabende waren lang bis 18:00Uhr. Zwei von den vier Sonnabenden musste ich auch arbeiten. Diese Zeit wurde mir aber nicht als Überstunden gutgeschrieben.

Zur Orientierung ich war 15 Jahre alt und hätte Arbeitsrechtlich nicht nach der Berufsschule arbeiten dürfen, und die Weihnachtssonnabende auch nicht. Mir wurden jedoch immer nur meine Pflichten erläutert, nicht meine Rechte.
Mein Gehalt im ersten Lehrjahr betrug 120,00 DM (netto waren das 90,00 DM)im zweiten 210,00DM (netto waren das 180,00 DM) Die Fahrkarte kostete mich allein monatlich 45,00 DM. Da drin waren nicht die Fahrten nach Göttingen eingerechnet.
Es war echt ein Wunder wenn ich einen Gardinenballen mal aus dem Regal nehmen durfte und mal abschlagen und wieder aufrollen. Ja doch, zur Inventur musste ich es.

Prüfung schriftlich in Göttingen bestanden. Da erhielt ich von der Raumausstattungsinnung die in Northeim saß, was ich jetzt erst erfuhr eine Aufforderung meine Prüfungsunterlagen einzusenden und meine Wochenarbeitsberichtshefte. Da meine Chefin wieder alles durchgestrichen hatte musste ich jetzt etwas zusammenflunkern was ich die gesamte Zeit über gemacht habe, damit diese die Hefte endlich abzeichnete. Kurze Zeit später erhielt ich einen schriftlichen Prüfungstermin gesagt, zu dem ich nach Northeim musste. Ich war bis dato noch nie dagewesen, kannte mich dort überhaupt nicht aus. Interessierte aber meine Chefs nicht.

Glück hatte ich im Zug insofern, das die anderen Lehrlinge sich über die bevorstehende Prüfung unterhielten und ich sie daher fragen konnte. Nun war das System des Lernens in Northeim ein anderes, als in Göttingen. Und meine Göttinger Prüfung wurde nicht anerkannt. Nett war, das mir die Prüfer daher immer mal wieder über die Schulter guckten und den einen oder anderen Hinweis gaben. Trotzdem ärgere ich mich bis heute das ich diese Prüfung nur mit einer vier bestanden habe, denn in Göttingen hatte ich eine eins minus.

Eine Woche später war dann die praktische Prüfung. Gemacht werden musste eine Schabracke mit Bogen und Besatz, die dazugehörigen Seitenschals, Raffbänder und ein Store. Ein rundes Kissen mit doppelten Keder. Eine Scheibengardine genäht. Das Ganze musste an eine Schiene angebracht und auch mit Schleuderstangen angelegt werden. Das alles hatte ich bis zu jenem Zeitpunkt noch nie gemacht. Bekam dann in der Firma von Doris und Freia einen Crashkurs verpasst. Auch mit dem richtigen zuschneiden, auf Muster achten etc.

Das Problem, ich musste das Material kaufen, großzügigerweise bekam ich Prozente. Wie ich das alles nach Northeim bekam, interessierte meinen Lehrherrn wenig. Zum ersten Mal fragte ich ihn, warum ich nach Göttingen zur Berufsschule geschickt wurde, obwohl ja jetzt klar wäre das diese nichts mit der Raumausstatter Innung zu tun habe. Die lapidare Antwort war, das haben sie nicht gewusst. Schwer bepackt und die unhandliche Gardinenleiste im Gepäck kam ich dann in Northeim an.

Die anderen guckten mich verdutzt an. Herr Rosenberg von der Raumausstattung Meth fragte mich, ob ich allen Ernstes das allein hierher geschafft habe. Er und andere schüttelten den Kopf, ob dieses unverständlichen Gebarens meiner Chefs. Für die Praktische Prüfung waren drei Tage angesetzt. Die Jungs waren echt nett bauten mein Fenster mit der Schiene auf, ich nähte dafür deren Schabracken, es war eine unglaublich nette Kameradschaft die dort zutage trat. Nach den drei Tagen wurden die Ergebnisse verlesen. Meine praktische Prüfung bestand ich mit einer zwei. Offizielle Überreichung der Gesellenbriefe erfolgte zwei Wochen später.

Ich hatte trotz aller Widerstände bestanden. Konnte es immer noch nicht glauben. Roland, Karl-Heinz und die anderen überredeten mich mit Ihnen feiern zu gehen. Das taten wir auch ausgiebig. Im Zug zurück johlten die Jungs immer: ich hab dein Knie gesehen (https://www.youtube.com/watch?v=1GU4GgtsVco) ...um jene Zeit war Mini out und Midi IN. Mein Rock war eben auch Knie umspielt.

Wir feierten in Hann. Münden noch weiter, bei Roland zu Haus. Karl- Heinz hatte sich auf den Weg nach ihm zu Hause gemacht. Und ich, ich verlor allerdings an diesem Tag auch meine Jungfräulichkeit. Es war nicht so schön, wie man sich das immer ausmalt und es tat weh. Das, nur so am Rande erwähnt.

Meine Eltern machten sich Sorgen, ich war nicht nach Hause gekommen, daran hatte ich nicht gedacht. Zum ersten Mal hatte ich gemacht was ich wollte. Ich hatte die Tage zuvor soviel Stress gehabt. Allein das ganze Prüfungsmaterial nach Northeim zu schaffen. Dinge zu machen die, wenn ich eine vernünftige Ausbildung genossen hätte mir leicht gefallen wären. Aber ich hatte es geschafft , ich allein. Somit erteilte ich mir auch das Recht mal über die Stränge zu schlagen. Rückhalt hatte ich während der zwei Jahre Lehrzeit von zu Hause her nicht, es hieß nur immer wenn ich mich beschwerte - Lehrjahre sind keine Herrenjahre!


Roland brachte mich bevor er zur Arbeit fuhr, bei mir zu Hause vorbei. Ich duschte, zog mich um, erhielt die Vorwürfe, das ich mich ja melden hätten können, man habe sich Sorgen gemacht. Dann die Frage: hast Du bestanden? Ja, sagte ich, habe ich.
Na wenigstens etwas, hast du mal hinbekommen. Also wieder nach Dransfeld. Dort hatte man, weil ich nicht, wie gefordert an den Tagen der Prüfung noch zusätzlich in der Firma vorbeigekommen war, sondern eben direkt nach Hause bzw. den vergangenen Tag einfach mal feiern war, sich selbst bei der Innung erkundigt.

Herr Rosenberg hatte mir nämlich zwischendurch erklärt, das ich nach den Prüfungsstunden Ruhe brauche und nach Hause fahren sollte, ich sollte dann keinesfalls mich zum Arbeiten einspannen lassen. Das wäre einfach mein gutes Recht. Auch erklärte er mir, das er als Geschäftsführer der Firma Meth und andere hier anwesende Lehrherren, das so handhaben das man die Lehrlinge soweit wie möglich unterstützt, da sie ja auch eine Art Visitenkarte für die jeweilige Firma darstellten. Jeder Lehrherr hatte das Prüfungsmaterial kostenlos zur Verfügung gestellt und die Lehrlinge mit den Materialen auch zur Schule gefahren. Nur bei mir war alles anders gelaufen.

Nun war ich also in der Firma eingetroffen, mit diesen neuen Wissen im Kopf. Das erste was ich zu hören bekam: warum bist du gestern nicht gekommen? Es musste noch geputzt werden. Dann folgte: wir haben schon gehört das du die Prüfung bestanden hast, damit ist das Lehrverhältnis zu Ende. Du kannst wieder nach Hause gehen. Ich schluckte, hatte Angst nach Hause zu gehen, was würde mein Vater dazu sagen? Da kam von hinten von der Seniorchefin der Spruch, die Prüfer müssen nichts vom Nähen verstanden haben, das sie dir eine zwei gegeben haben.

Immer hat sie mich das spüren lassen, das sie jetzt die Chefin war, und das nur weil sie als Näherin für die reichen Bauerntöchter gearbeitet hatte, zu denen eben einst auch meine Großmutter Väterlichseits gehörte. Mein Klassenkamerad Hermann hatte zeitgleich mit mir dort angefangen zu lernen, nur das er eine Ausbildung als Raumausstatter machte. Hermanns Eltern ebenfalls Bauern brachten wenn sie geschlachtet hatten einen großen Korb mit Delikatessen bei unseren Lehrherren vorbei. Auch Obst und Gemüse aus dem Garten. Machten meine Eltern nicht. Hermann wurde gefördert. Nur, er bestand die Prüfung nicht, nicht beim ersten und auch nicht beim zweiten Mal.

Dann, es war ja kurz vor Ostern, ich wollte gerade den Laden wieder verlassen, klingelte das Telefon im Büro und Freia war krank, Frau Boll im Urlaub und nur die eine Näherin und die Seniorchefin jetzt präsent. Es mussten zehn Matratzen bezogen werden mit doppelten Keder. Meine jetzt Exchefin drehte sich zu mir, und sagte wenn ich das machen würde, würde sie mir dafür selbstverständlich Gesellenlohn zahlen. Ich wandte mich ihr zu und sagte : Nein.

Zum ersten Mal sagte ich ihr gegenüber nein. Ich möchte Sie nicht in Verlegenheit bringen mit meiner Leistung, ihre Mutter ist ja der Ansicht das ich das nicht kann. Langsam trödelte ich Richtung Bushaltestelle, entschied mich dann aber die vier Kilometer zu Fuß zu gehen. Zuhause war man total geschockt, von dem was da gelaufen war und zum ersten Mal konnte ich meinen Eltern alles sagen was, in den zwei Jahren Lehre dort los war und was der Herr Rosenberg gesagt hatte. Stantepede fuhr mein Vater nach Dransfeld. Hatte wohl ein ziemliches heftiges Gespräch mit den beiden Junior Inhabern, kündigte ihnen unter anderen an, das niemand aus der Familie jemals wieder den Laden betreten würde. Das hat er auch umgesetzt. Oma durfte da auch nicht mehr einkaufen.

Zwei Monate später fing ich in Hann. Münden als Fachverkäuferin für Gardinen im Mündener Kaufhaus an, welches dem Kaufring angeschlossen war. Das war eine schöne Zeit, und hat mich aus der Schüchternheit etwas herausgeholt. Ein Jahr musste ich allerdings noch zur Berufsschule gehen, wieder in Göttingen, ich wählte jetzt den Bereich Haus- und Wirtschaftslehre.

Irgendwann lief mir der Herr Holle* über den Weg, der früher Raumausstatter bei der Firma Rubort* war. Dieser arbeitete jetzt in Göttingen. Er sagte, ich weiß jetzt was das ist, wenn man seine Leistung fair bezahlt bekommt, wie klein man in der Firma Ruborts* gehalten wurde. Schön, sagte er, das du deine Prüfung bestanden hast, gerade deswegen weil man alles seitens Ruborts getan habe das ich durchfalle. Warum? fragte ich. Er lächelte und sagte dann: der nächste Lehrling sollte nach drei Jahren kommen, also das nächste Putzmädchen. Ich habe ihnen einen Strich durch die Rechnung gemacht weil ich bestanden habe nach zwei Jahren. Wiederholung der Prüfung wäre ein Jahr später gewesen.

Edda meine Nachfolgerin traf ich zufällig am Bahnhof als ich in Göttingen bei der Baustoffhandlung arbeitete. Auch Edda ging hier in Göttingen zur Berufsschule, ich beschwor sie, das ist falsch, du musst nach Northeim. Sie glaubte mir nicht. Ein Jahr später musste sie es, und wieder hatte Herr Fockenbach*. den gleichen Spruch wie bei mir losgelassen, das wussten wir nicht, dass du nach Northeim zur Berufsschule musstest.
© alle Rechte vorbehalten 4.5.2015

 

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