Erinnerungen - November 1981

November 1981

Bei der Firma bei der ich zu jener Zeit arbeitete, das war die Sollinger Baustoffhandlung in Göttingen. Zugehörig zu Hardegser Zement, Hardegsen dieses Unternehmen wiederum, gehörte zur Nordzement Hannover.

Ich arbeitete in der Fliesenabteilung als Fachverkäuferin dort. Da ich jung und unabhängig war, arbeitete ich auch Samstags, das war zu jener Zeit noch bis 13:00Uhr. Dafür hatte ich in der Woche einen Tag frei - ja einen ganzen Tag für einen halben Tag. Mein Chef wusste, das ich oftmals morgens früher kam und dann auch einfach schon mal Lieferscheine schrieb für die Fliesenleger die oft schon um 7:00Uhr auf der Matte standen um ihre Waren abzuholen. Meine normale Arbeitszeit begann um 9:00Uhr.

Die Mittagspause wurde, wenn Kunden beraten wurden, auch mal gekürzt, oder auch nach Feierabend das war um 18:00Uhr noch bedient. Daher ging man bei uns in der Firma davon aus, das der ganze Tag in der Woche mehr als gerechtfertigt war. Tauschen war dennoch möglich.

Da ich im November nach Berlin wollte zu meinem Freund Dieter, der dort studierte, machte ich die Rechnung mit dem Buß- und Bettag. Oh ja, den hatten wir auch noch. Dieser Tag war immer auf einen Mittwoch angelegt. Also den Donnerstag dazu, für den Freitag einen Urlaubstag geopfert und den Samstag mit einer Kollegin getauscht - das hieß, ich hatte die Woche darauf eine sechs Tage Woche, von Montag bis einschließlich Samstag zu arbeiten.

Ging klar. Also über Mitfahrerzentrale nach Berlin. Klappte alles hervorragend. Dieter wohnte damals im "Bellvuetower" Studentenwohnheim und Hotel in der Eichbornstr. Schräg gegenüber war ein riesiger Flohmarkt, es gab dort fast alles, ich war fasziniert von den schönen alten Türklingen aus Abbruchhäusern, von den alten Ofen- Kacheln von abgebauten Kachelöfen, alte Zeitungen, Zeitschriften, Postkarten, Bücher, Spitzenhäkelware als Besatz für Blusen und Hosen zu jener Zeit. Eine Freundin von ihm die in der Philharmonie jobbte, hatte Karten für eine 1,00DM besorgt, Klavierkonzert. Ich hatte mich erkältet, draußen war es saukalt und bei Dieter im Studentenwohnheim, heiß, weil von allen Seiten wie verrückt geheizt wurde.

Ein Besuch bei Leydicke in der Mansteinstraße stand auch immer wieder auf dem Programm. Wir hatten so ein paar schöne Tage miteinander, sahen wir uns doch nicht allzu oft. Sonntag sollte es wieder zurückgehen. Es hatte geschneit, es war glatt und der erste Fahrer sagte ab, der zweite ebenfalls. Sonntag Spätnachmittag ergab sich dann aber doch noch eine Mitfahrgelegenheit. Der Typ suchte eine Fahrerin und dann könnte noch jemand mitfahren. Er hatte einen Bulli zu überführen. Dieser war alt und ohne Heizung. Er selbst fuhr mit einen Golf vorweg, wir, die Fahrerin und ich im Bulli hinterdrein. Grenzkontrolle Dreilinden.
Alles in Ordnung.

Auf Höhe Michendorf ging es mir schon ganz miserabel. Wie gesagt, draußen saukalt und im Bulli ebenfalls, ich hatte hohes Fieber, krächzte mehr oder weniger nur noch. Die Fahrerin gab ihm ein Zeichen und so fuhren wir auf den Rastplatz Michendorf. Dort stieg ich um in seinen Wagen. Die Fahrt ging weiter, bis wir in Marienborn ankamen ca. 21:30Uhr. Und da wurden wir eingewiesen an die Seite zu fahren und auszusteigen. Keiner von uns hatte eine Ahnung warum. Stellte sich aber schnell raus.

Ich saß laut deren Informationen im falschen Auto, Ich hatte in Dreilinden noch im Bulli gesessen und war so an Info nach Marienborn durchgegeben worden. Ich, nein, wir wurden belehrt, das so ein Umsteigwechsel innerhalb der Transitstrecke nicht erlaubt sei. Ich bat um etwas zu schreiben weil mein Gekrächze war kaum noch zu verstehen. Zuerst nahm ich die eine Hand des Volkspolizisten und legte diese an meine Stirn, die heiß war, mein Gesicht rot, meine Augen brannten im Fieberglanz. Also bekam ich etwas zu schreiben, zusätzlich krächzte ich noch dazu, das der Bulli keine Heizung habe, und ich schon kurz nach Dreilinden dieses hohe Fieber bekam. Der Bulli wurde kontrolliert ob meine Angaben auch stimmten. Der eine bestätigte. Sie nickten sich zu und wir konnten weiterfahren. Ich wieder als Beifahrerin im Golf.

Helmstedt - Westen, der Golf fuhr dort auf den Parkplatz, der Fahrer stieg aus und schrie mich an: In was für Schwierigkeiten ich ihn gebracht habe, mit meiner Umsteigerei, in Teufelsküche hätten wir kommen können. Ich verstand nicht, warum brüllte der so rum, wir waren doch durch, außerdem, wenn ich die ganze Strecke in dem Bulli gesessen hätte, hätte man mich sicher irgendwo entsorgen müssen, das hätte ich sicher nicht überlebt. Und wie hätte er das erklären wollen. Wie auch immer, die andere Frau stieg aus dem Bulli, konnte auch nicht verstehen warum er sich so aufregte. Wir waren durch. Man hatte sich überzeugen können das meine Angaben stimmten. Das man innerhalb der Strecke nicht von einem Wagen in den nächsten steigen durfte, hatten wir alle drei nicht gewusst. So eine Situation kommt ja nicht so häufig vor. Warum also spielte er jetzt den Brüllaffen?

Die Türen des Golfs waren noch offen, denn wir waren ja beide ausgestiegen. Da geht er zurück zur Fahrerseite und löst die Innenverkleidung der Tür bei sich und auch auf der Beifahrerseite. Fassungslos starrten wir beide dorthin, viele kleine Beutel mit weißem Pulver waren dort untergebracht.

Damals war mir die Tragweite dessen nicht bewusst. Ich war noch so naiv in diesen Bereich. Ich hab es verdrängt. Bewusst. Ich wollte nur nach Hause, wollte in mein Bett und am nächsten Morgen zum Arzt. Stumm ging die Fahrt weiter. Es gab nichts mehr zu reden. Er warf mich mehr oder weniger in Göttingen Weende aus dem Wagen und fuhr zurück auf die Autobahn weiter seinem Ziel entgegen. Ein Taxi, was ich aus einer Telefonzelle heraus orderte, brachte mich nach Hause in meine Bovender Wohnung.
Nicht daran denken, einfach nur schlafen. Und am nächsten Morgen zum Hausarzt. Eine Lungenentzündung vom Feinsten hatte ich mir eingefangen.

1984 im sogenannten Orwell Jahr bin ich selbst nach Berlin gezogen. Bis dahin hatte ich allerdings schon noch die eine oder andere Erfahrung gemacht im Ost-Westverkehr. Erst Jahre später fiel mir diese Begebenheit wieder ein. Und erst da, wurde mir die ganze Tragweite dieser Nachtfahrt bewusst.

Wenn die Grenzer tatsächlich, auf Grund meines Umsteigens in Michendorf, in Marienborn den Wagen gründlicher untersucht hätten, dann so war mir klar, hätte auch ich mich, in keinster Weise aus der Situation heraus reden können. Das hätte nur auf einen Freikauf irgendwann an der Glienicker Brücke enden können.

Und ja - natürlich ist die Frage sicher auch nach diesem weißen Pulver, warum, habe ich es nicht gemeldet? Es war sicher kein Puderzucker, aber ich weiß auch nicht, was es sonst war. Ich habe es gründlich verdrängt. Ich wollte nur noch nach Hause. Wollte schlafen und zum Arzt. Ab dem Aufwachen war diese Situation vergessen, ich konzentrierte mich lediglich darauf, zum Arzt zu kommen und zur Apotheke und dann wieder ins Bett. Gerade, das ich die Firma noch benachrichtigte, dass ich die nächsten drei Wochen ausfalle.

Das weiße Pulver war weg aus meinen Gedanken und ist wirklich erst, etwa 10 Jahre später wieder aufgetaucht.

 

 

zu Home

oder

Erinnerungen retour 

oder 

zu Wer hat Angst vorm Schwarzem Mann

oder

weiter zu: Liebeskummer - und dann kam Friedrich